Die Angst der Schweizer

Eigentlich dürfte der Titel nicht Die Angst der Schweizer heißen, sondern eher "Die Angst der Menschen".

Die Schweizer durften gestern darüber abstimmen, ob man etwas gegen die "Masseneinwanderung" unternehmen will, dass heißt die Zuwanderungsregeln deutlich strenger gestalten. Das ganze geht auf eine Initiative der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP) zurück.

Mit einem hauchdünnen Ergebnis von 50,3% stimmten die BürgerInnen der Schweiz dem zu. Das Ergebnis muss man nun natürlich als demokratischen Akt akzeptieren, wichtig ist nun einen Weg zu finden, von diesem Wege wieder abzukommen. Ich hoffe nur, die Gegner der Initiative legen keinen "Alice-Schwarzer" hin und verhärten die Fronten bei denjenigen, die bisher nicht dafür waren.

Fakten

Aber warum haben die Schweizer denn so abgestimmt? Kurz ein paar Zahlen:

Einwohner: 8,1 Millionen

Wahlberechtigte: 5,1 Millionen

Zuwanderung (seit 2002): 80.000 Menschen

Zuwanderung (in %, Zeitraum: 12 Jahre): 0,98

Ausländeranteil gesamt: 24%

Größte Gruppen an Ausländern: Italiener, Deutsche und Portugiesen

Human Developement Index: 9. Platz

Die Zuwanderung in den letzten zwölf Jahren ist relativ gering, der Ausländeranteil an sich natürlich sehr hoch. Wer nun auf die Schweizer schimpft, der soll sich mal überlegen was für ein Fass in Deutschland aufgemacht werden würde, wenn der Ausländeranteil auch nur annähernd so hoch wäre. Das macht natürlich die Problematik nicht besser, aber ein reines meckern über die Schweizer auch nicht.

Angst

Wenn man quer durch die Presse liest, haben die meisten Schweizer Angst vor:

  • dass ihr relativ kleines Land bald überbevölkert wird
  • dass der Wohlstand verschwindet oder zumindest spürbar sinkt

Schweizer Eigenheit

Zugegeben, in einem Land mit vielen Bergen bei denen der Wohn- und Erhohlungsraum relativ begrenzt ist, ist das erste Argument valide. Allerdings befindet sich die Schweiz noch lange nicht an einer absehbaren Grenze, dass man von einer Überbevölkerung reden müsste.

Zum zweiten Punkt, müssen wir nochmal kurz klarstellen wie unser Wirtschaftssystem funktioniert. Der Schweizer Wohlstand basiert ja vor allem auf zwei Faktoren: Tourismus und den Bankensektor.

Nehmen wir mal an wir führen gerade eben unser aktuelles Wirtschaftssystem ein und noch kein Mensch hat Geld. Nun kommt der Bauer Lokus und möchte Samen kaufen, er ruft beim Großhändler an und erfährt den Preis von 10.000 Euro. Nun geht er zur Bank und nimmt einen Kredit auf. Die Bank gewährt ihm diesen, nimmt zur Sicherheit eine Hypothek auf sein Haus und überweist dem Großhändler das Geld.

Wir haben nun einen Großhändler mit einem Haben von 10.000€ und den Bauern mit einem Soll von 12.000€. Wir wollen ja die Zinsen nicht vergessen.

Zusammengefasst: Wo ein Haben entstehen soll, muss irgendwo ein Soll sein. Noch einfacher: Ohne das jemand Schulden macht, kann niemand den gleichen Wert an Geld besitzen. Natürlich kann es einen großen Schuldner und viele Menschen mit Geld geben, wahrscheinlicher ist das Gegenteil - so wie jetzt im hier und heute -: viele Schuldner, wenige Reiche.

Und natürlich ist es für ein Land wie die Schweiz mit vielen Banken wichtig, dass andere Länder dort ihre Geldgeschäfte tätigen. Bei einem reichen Land wie der Schweiz, muss also irgendwo auf der Welt das Soll aufgelaufen sein. Ist es auch. Zum Beispiel in Afrika. Oder Asien.

So gesehen, sind natürlich auch die Schweizer in der Pflicht, ihren Teil zur Lösung der Probleme der Welt (Hungersnöte, Klimawandel, Armut etc) beizutragen. Da darf man sich nicht einfach raushalten und sagen: Ihr kommt hier nicht rein. Das ist die gleiche Pflicht, wie sie alle "Erste Welt" Länder haben.

Nun ist es natürlich so, dass es dem einzelnen Menschen relativ egal ist, weil er seinen Wohlstand gefährdet sieht. Diese Entwicklung ist aber gefährlich und falsch. Ich hoffe daher, dass die Medien, die Parteien, die Sprachrohre und Multiplikatoren der Menschen ganz schnell verstehen, dass wir nicht ganz viele einzelne Länder sind, sondern eine Welt.

Hinzu kommt natürlich noch, dass die Schweiz viele gut ausgebildete Menschen anzieht, da der Lebensstandart und die Lebenshaltungskosten z.B. in Zürich oder Graz unfassbar hoch sind. Wer dort keinen gut dotierten Job erhält, wird mit großer Wahrscheinlichkeit um einiges schlechter Leben, als wenn er in seiner Heimat geblieben wäre. Vorausgesetzt wir reden von Europa.