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Kanzler-Attentat: Prolog

Prolog

2001 - 11. September.

Als zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York flogen und beide Türme innerhalb kürzester Zeit in sich zusammen stürzten und tausende Menschen ihr leben verloren, da war die heutige Jugend gerade in den Kindergarten gekommen. Für sie waren die Ereignisse zumindest hier in Deutschland irrelevant. Für die Sicherheitspolitik - überwiegend der westlichen Hemisphäre - war es der Wandel von einer meist freiheitlichen zu einer Überwachungspolitik.

Die breite Öffentlichkeit nahm erstmals negativ von den Bürgerrechtseingriffen in Deutschland wahr, als Ursula von der Leyen, Ministerin des Bundes für Familie, dass später sogenannte „Zensursula-Gesetz“ ins Rollen brachte.

Danach sollten Websiten die von der Bundesprüfstelle für Jugend und Medien als gesetzwidrig eingestuft wurden für Benutzer aus Deutschland mit einem „Stopp Schild“ gesperrt werden.

Wochenlang versuchten Experten der Bundesregierung und Ursula von der Leyen zu erklären, dass diese Maßnahme innerhalb kürzester Zeit selbst von unversierten Nutzern umgangen werden könnte und „Löschen statt Sperren“ die bessere Alternative wäre.

Unzählige Statistiken wurden vorgelegt, Argumente wiederholt und Lobbyarbeit geleistet, doch die Bundesregierung bliebt bei ihrem vorhaben.

Mehrere Gruppen gründeten die „Arbeitsgemeinschaft Vorratsdatenspeicherung“ und organisierten die Demonstration „Freiheit statt Angst“. Tausende Menschen aus ganz Deutschland zogen in „ihren Kampf“ gegen den Eingriff in ihre Freiheit.

Medien nahmen auf einmal eine Generation wahr, die für ihre Rechte kämpfen wollte und die keine Partei sah, die sich ihrer annahm. Unter diesem gewaltigen Druck, wurden die Pläne für die Zensur des Internets begraben.





2014 - 01 Januar.

Trotz zahlreicher Proteste, der Gründung der „Piratenpartei Deutschland“ und Lobbyarbeit durch Vereine wie den „Chaos Computer Club e.V.“ verabschiedete die Bundesregierung seit 2003 über 50 Überwachungsgesetze die die Freiheit der Bürger unterminierten. Einige davon wurden aufgrund Verfassungsverstöße vom Bundesverfassungsgericht gestrichen.



`2014 - 26. Februar.`

Es gab einen kurzen, dumpfen Ton. Jonas drehte sich automatisch zu seinem Bildschirm. Er kannte diesen Ton, er ertönte mehrere Male am Tag. Er maximierte seinen IRC Client.

<benjamin> Hey digga.
<sizzlak> servus!
<benjamin> Wir treffen uns heut Abend auf dem Telko. 20 Uhr.
<sizzlak> ich glaube ich schaffe das nicht.
<benjamin> Alle werden da sein!
<sizzlak> ok. ich komme! muss arbeiten. bis später`

Jonas Hände rauschten über die Tastatur, die Gedanken kreisten in seinem Kopf. Genau heute Abend musste das Treffen stattfinden, dass würde wieder Ärger mit Jana geben.

Jana und Jonas waren seit vier Jahren ein Paar und eigentlich hatten sie heute Jahrestag, nicht das er darauf ein gesteigertes Interesse hätte, aber Jana. Sie hatten sich für 19.30 Uhr im Plaza verabredet, einem etwas gehobenerem Restaurant außerhalb von Mainz. Er überlegte ob er das Essen stattfinden lassen könnte und gleichzeitig an dem Treffen teilnehmen kann. Er verwarf das aber wieder, weil er wusste das in diesem Eck in Bingen kein ordentlicher Handyempfang herrschte und das WLAN nicht öffentlich zugänglich war.

Jonas drehte sich wieder vor den zweiten Monitor, insgesamt standen vier weitere rechts neben ihm und fingerte sich leicht umständlich eine Zigarette aus der Schachtel. Die Augen waren stur auf den Monitor gerichtet, dass Problem mit Jana würde er später lösen. So wie er alle Probleme nach hinten schob.

Seit Stunden ging er Zeile für Zeile des Codes durch und versuchte seine Fehler zu finden, die Zeilen verschwammen vor seinem geistigen Auge und er glitt immer wieder in die heute Abend entstehenden Probleme ab. „Verdammt, Jonas! Reiß dich zusammen!“ ermahnte er sich selbst. Er musste bis heute Mittag den Fehler ausgemerzt haben und seinem Kunden ein Update zur Verfügung stellen. Sollte er das nicht schaffen, könnte er für seine Firma schon morgen bei Gericht erscheinen und Insolvenz beantragen, die vertragliche Strafe lag bei mehr als 2.500.000 Millionen Euro für eine verspätete Lieferung eines lauffähigen Programms ab dem ersten Tag.

Links von ihm, meldete sich wieder sein IRC-Client. Jonas stöhnte kurz auf, war aber gleichzeitig dankbar für die erneute Abwechslung, er kam sich vor wie ein Autor mit Schreibblockade.

Während er sich umdrehte, viel mal wieder die Asche seiner Zigarette auf eine der Tastaturen. Jonas leckte sich leicht den Zeigefinger ab und versuchte die Asche an seinem Finger kleben zu lassen, zerdrückte diese allerdings unrettbar in der zwischen den Tasten. In Anbetracht des zugemüllten und dreckigen Arbeitszimmers, fiel dies aber auch nicht mehr auf.

Er bewegte leicht die Maus, der Bildschirm erhellte sich und zeigte direkt sein Chatprogramm an:

* secure connection started.
* tramts pgp fingerprint: 4567-5453-8797-4891
* do you want accept certificate? (Y)es or (N)o

Jonas kannte den fingerprint von tramts PGP-Schlüssel in- und auswendig, er akzeptierte das standartmäßige Prozedere und ein neues Fenster öffnete sich.

<tramts> ey sizzlak, kurz zeit?
<sizzlak> eher nicht, aber ich komm sowieso nicht weiter
<tramts> was ist los?
<sizzlak>  ich hab immer noch andauernd probleme mit dem socket auf unix
<tramts> fehler hast du eingrenzen kännen?
<sizzlak>  ganz grob
<tramts> hör zu, ich melde mich heute krank und komm zu dir
<sizzlak>  musst du nicht
<tramts> du willst mich nur nicht in deinen saustall reinlassen
<sizzlak>  :)
<tramts> hast du dein auto dabei?
<sizzlak>  nein, wieso
<tramts> prima, dann ist dein parkplatz mir. gib mir 15 minuten. adios

* chat closed

Es war von einem unschätzbaren Vorteil Menschen wie Martin zu seinen Freunden zählen zu können. Klüger als die meisten Menschen in Deutschland, integer, reich, schön, loyal und vor allem wortgewandt sowie hilfsbereit.

Seit er seine Webfirma Anfang 2001 an SparklingWeb Inc. für knapp 490 Millionen US-Dollar plus ein dickes Aktienpaket an Microsoft, Apple und SAP verkaufte da konnte er quasi machen was er wollte. Trotz seines unfassbaren Reichtums, fuhr er einen alten Opel Kadett, wohnte in einer eher kleiner Dreizimmerwohnung mitten in Mainz und prahlte auch sonst wenig mit seinem Kontostand. Geld war ihm im wahrsten Sinne des Wortes egal.

Er hatte einen Angestellten der sein Geld für ihn verwaltete und der auf seine Anweisung an Start-Ups Geld als Investment überwies. Mittlerweile war er an 53 kleinen Projekten beteiligt und das war ihm eine Genugtuung. Die meisten dieser Firmen würde niemals einen Cent abwerfen, aber dafür konnte er an allen neuen Spielplätzen im Internet als erster teilnehmen. Es gab nicht viele Menschen, die ihn wirklich gut kannten und noch weniger, wussten von den Unsummen auf seinem Konto.

Martin investierte grundsätzlich unter einem Pseudonym in die Firmen, sein eigenes Investment kam von einer Firma auf den Caymen Islands, der dortige Geschäftsführer war ein Einheimischer der monatlich dafür knapp 1000$ bekam. Dabei ging es nicht um zwielichtige Geschäfte oder Steuerersparnisse sondern rein um die wirkliche Pseudonymität, zumindest soweit sie machbar war. Natürlich war den deutschen Finanzbehörden der aktuelle Investment- und Steuerstand absolut bewusst, Geld war eben in seiner Welt nicht wichtig.

Das sein Name nicht im Web auftauchte mit diesem Deal, ist einer glücklichen Gebung zu verdanken. Seit 1999 arbeitete er an einem Recherche-Tool, dass unfassbar exakte Ergebnisse ablieferte. Es konnte zeitliche und thematische Zusammenhänge sehen die selbst den gewieftesten Journalisten nicht auf den ersten Blick aufgefallen wären und Stunden oder sogar Tage damit verbringen mussten. Integriert war ein Werkzeug das in der Lage war, selbst in Bildern Texte zu entziffern und in die Suche einzubeziehen.

Gegen Ende des Jahres 2000 besuchte er auf einer USA Reise einen Freund, der bei Sparkling Inc. arbeitete, einem der größten Rechercheinstitute des Landes bei dem sich fast sämtliche Medien der Welt beteiligten. Er stellte ihm sein Programm vor und in Windeseile saß er mit den zwanzig mächtigsten Medienmogulen der Welt zusammmen an einem Tisch.

„Mr. Heink, wir haben heute ein Blick auf ihr Programm werfen können und wir möchten ohne Umschweife zum Punkt kommen. Wir bieten ihnen 490 Millionen Dollar plus ein attraktives Aktienpaket verschiedenen Technologiefirmen an, dafür gestatten Sie uns die Alleinnutzung. Gerne würden wir sie auch verpflichten, um das Programm mit den besten Programmierern der USA weiterzuentwickeln.“

Martin saß an diesem riesigen rustikalen Eichentisch, einen Kaffee vor ihm und es wurde flau in seinem Bauch. Haben die gerade wirklich gesagt, dass die mich zu einem Quasi-Milliardär ernennen wollten? Er wusste, dass er ein wirklich mächtiges Tool entwickelt hatte, aber seine negative Eigenschaft war eben auch, dass er relativ schnell das Interesse an seinen eigenen Projekten verlor. Das war auch diesmal nicht anders, er hatte sich nach monatelangem Entwickeln immer weniger für das Programm interessiert und es war zur wirklichen Nutzung noch ein längerer Weg. Die ersten Ergebnisse waren fantastisch, natürlich. Aber zwischen fantastisch und absolut perfekt liegen manchmal Welten.

Er wusste, dass ein sehr gutes Programmiererteam innerhalb weniger Monate das wohl mächtigste Werkzeug im Internet seit Google schaffen konnte, mit dem mathematischen Ansatz von ihm.

Eine adrette Dame, er schätze sie als Sekretärin ein, erhob sich von einem Stuhl in der hinteren Ecke des Raumes und legte ihm den Vertrag vor. Er dachte, er würde nun ein hundertseitiges Werk mit unzähligen Paragraphen vorgelegt bekommen, aber das einzige was er bekam, war der doppelte Ausdruck einer Seite.

Darin genannt war die Kaufsumme, der Verbot sein Programm weiterzuverkaufen, das angebotene Aktienpaket, das Kaufdatum und die Vereinbarung, dass das Geld unverzüglich auf das von ihm angegebene Konto überwiesen würde, sonst wäre der Vertrag hinfällig und eine Geheimhaltungsklausel. Keiner sollte wissen, wofür das Geld geflossen war.

Martin räusperte sich, sein Hals war abgrundtief trocken. Also erhob wieder der Herr am Anfang des Tisches das Wort: „Mr. Heink, wir haben wirklich ernsthaftes Interesse an ihrem Code. Unsere eigenen Programmierer durften ja teile des Algorithmus betrachten und waren erschlagen von den Ansätzen. Wir haben uns dazu entschieden, dass wir es ihnen sehr einfach machen möchten. Dazu sind wir an unsere Schmerzgrenze des Vertretbaren gegangen. Die "Sparkling Inc." ist keine Aktiengesellschaft, wir werden ihren Namen also nirgends auflisten.“

Martin griff in seinen Brustbeutel den er immer um die Hüfte geschnallt hatte, holt seinen Reisepass, seine Krankenkassenkarte und seine Kreditkarte hevor um an den Kugelschreiber zu kommen der sich darin befand. Ohne zu zögern unterschrieb er den Vertrag. War ihm Geld auch damals schon unwichtig, so wusste er doch, dass er damit viel Gutes vollbringen könnte.