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Kanzler Attentat: Kapitel 1

Martin fuhr in seinem alten Opel Kadett die Einfahrt zu dem 30 stöckigem Hochhaus hinauf und fuhr in Richtung der Tiefgarageneinfahrt. Die "Siedlung Ebers" war wohl der Wunschtraum einiger Architekten die unbedingt der DDR in den 60ern nachahmen wollten. Anders kann man sich nicht erklären, wieso man fünf Plattenbauten direkt neben die angrenzende A60 gebaut hatte und alles mit Beton überzog.

Die Lärmschutzwand konnte auch die Geräusche der Auto- und Lastwagenkolonnen die sich Richtung Frankfurt pressten nicht verstummen lassen und das einzigste Grün das man weit und breit erblicken konnte, hing an den vor sich hin marodierenden Balkonen in Form von mehr oder weniger gepflegten Blumenkästen.

Wären die Mieten nicht so billig und darum ein guter Ort um Menschen in der Sozialfalle des Staates dort unterbringen zu können, wären diese Bauten mit Sicherheit schon lange abgerissen. Einzig der kleine Supermarkt in einem der Hochhäuser, der sich dort in der Parterre niedergelassen hatte, war noch lobenswert zu erwähnen. So konnten wenigstens die älteren Menschen, die hier ihren Lebensabend fristen mussten, noch Einkaufen gehen ohne den beschwerlichen Weg mit dem Bus zum nächsten Discounter für eine Packung Mehl oder Eier antreten zu müssen. So gesehen war es ein Wunder, dass nicht die TAFELN dort ansässig waren, immerhin lag der Preis für Produkte dort deutlich über den der bekannten billigen Supermarktketten.

Vor der Tiefgarageneinfahrt zog Martin eine kleine Chipkarte hervor die er von Jonas bekommen hatte um das Tor zum öffnen zu überreden. Er wartete gespannt auf das kurze piepsen, dann setze sich das alte und schon rostige Tor langsam in Bewegung. Nicht selten musste man diesem einen kurzen Schubs geben damit es sich öffnete, weswegen der TÜV die komplette Anlage eigentlich auch schon gesperrt hatte. Die Hausverwaltung verbot daraufhin jedem Mieter die Nutzung der Tiefgarage, kontrollierte das natürlich nicht und änderte auch nichts an dem Mietpreis. Nutzung auf eigene Gefahr. Quasi.

Martin dachte noch daran, dass Jonas hier endlich weg könne, wenn das Projekt denn gelingen würde, dann wäre Geld erst einmal kein Thema mehr.

Es war nicht so, dass er ihm nicht schon viel früher Arbeit oder Geld gegeben hätte, aber der Stolz von Jonas hatte das unmöglich gemacht. Er wollte nicht, dass Martin denkt, dass die Freundschaft zwischen ihnen rein vom Geld abhängig wäre. Dabei kannten sich beide schon aus dem Sandkasten und verloren sich lediglich nach dem Abitur kurz aus den Augen, als Jonas für ein paar Monate nach Island zu seinem Vater fuhr und in der Abgeschiedenheit weder Telefon- noch Internet verfügbar waren - im übrigen einer der Gründe wieso er wieder nach Deutschland zurück kam.

Nachdem das Einfahrtstor sich anstandslos geöffnet hatte, bewegte er den alten Kadett auf das zweite Parkdeck. Das Licht flimmerte, funktionierte glücklicherweise aber noch zum Größten teil, was zu Großteilen den Bewohnern zu verdanken war die das in Eigenleistung erledigten.

Interessanterweise war das was am meisten beeindruckend war an dem Haus der Fahrstuhl. Er verrichtete seit jeher seinen Dienst ohne das er wirklich murrte. Aus einem nicht ersichtlichen Grunde, war die einzige regelmäßige Wartungsarbeit die verrichtet wurde auch die an der Fahrstuhlanlage. So musste Martin zumindest nicht bis in den 26. Stock laufen, was bei einer geschätzten Temperatur von jenseits der 40°C im Treppenhaus auch zu einer schweißtreibenden Angelegenheit geworden wäre. Am glücklichsten machte ihn allerdings, dass er die ganzen Gerüche im Haus nicht wahrnehmen musste. Nicht, dass er etwas gegen ausländische Kulturen hätte, aber seine Nase und vor allem sein Magen waren nicht dafür geschaffen das alles vermischt wahrzunehmen. Dazu kam noch, dass er nicht weniger als zehn Messis hinter den einzelnen Türen vermutete, zumindest war der abstoßend süß-sauerliche Geruch nicht anders zu erklären der durch die ein oder andere Etage wappte und ihm alleine schon bei dem Gedanken daran fast würgen lies.

Oben angekommen, klopfte er kurz an die Tür, steckte den Zweischlüssel in die Wohnungstür und stand in einem kleinen, circa 8m2 kleinem Flur. Ihm gegenüber, lag die Küchentür, links von ihm lag das Wohn- und nebenan das Schlafzimmer. Die komplette andere Wohnungsseite beherbergte das Büro und angrenzend ein sehr kleines Badezimmer mit Duschkabine. Wahrscheinlich war geplant gewesen, dass die zwei kleineren Zimmer einmal Eltern- und einmal Kinderschlafzimmer sein sollten und das Wohnzimmer als größten Raum zur Verfügung stehen sollte. Für Jonas war das allerdings genauso perfekt, weswegen er sich vor allem für diese Wohnung entschieden hat, immerhin verbrachte er hier die meiste Zeit seines Lebens. Natürlich spielte auch der Mietpreis eine gehörige Rolle als Jungunternehmer.

"Hey Großer!" grüßte Martin vom Flur aus, bevor er in das Bad verschwand!

"Moin. Bringste mir bitte noch eine Mate aus der Küche mit?"

Martin dachte sich während er seine Hände wusch, was für ein Glück Jonas doch hatte, dass Jana hier für ihn Ordnung machte - abgesehen von seinem Büro. Jedesmal nach dem sie dort Ordnung gemacht hatte, führte das nur zu einem rosenkriegsähnlichem Streit, den eigentlich keiner wollte. Weder Jana noch Jonas. Also lies Jana das dortige Chaos einfach und sie beschränkten sich sowieso darauf, dass man sich eher bei Jana traf, außer er hatte mal wieder vergessen, dass er kommen wollte oder dachte einfach nicht an die Zeit während er arbeitete.

Martin fragte sich sowieso, wie lange Jana das noch aushalten würde, beide waren Anfang 30 und sie war eine bodenständige Frau mit einem guten Job als technische Zeichnerin in einer Mittelständischen Firma mit einem ordentlichen Einkommen. Sie äußerte schon öfter den Wunsch, endlich zusammen zu ziehen und auch eine Familie gründen zu wollen, doch Jonas entzog sich dem. Nicht weil er das nicht wollte, aber nicht jetzt und nicht morgen. Für ihn, war Zeit kein Problem, die hatte er auch noch in fünf Jahren. Das erinnerte Martin wieder daran, dass Jana ihn gebeten hatte, doch mal mit ihm zu reden, so unter zwei Männern. Aber davor galt es, dass Jonas das aktuelle Projekt fertigstellen konnte, dass ihm gleichzeitig auch alle Ausreden und Probleme nehmen würde.

Jonas drehte sich um, als er hörte wie Martin die Tür hereinkam und ihm die Mate schon entgegenstreckte.

"Danke dir. Alles klar?"

"Logisch. Super Wetter draußen, wir sollten unbedingt mal wieder an den See. Mit Grillen und Zelten und so!"

"Auf jedenfall," entgegenete Jonas "aber vorher müssen wir den Mist hier regeln!"

Martin setzte sich auf den zweiten Bürostuhl der zwischen mehreren Umzugkartons mit Akten stand und rollte sich sitzend neben ihn.

"Zeig mal!"

Jonas verschob das relevante Fenster von dem Monitor vor ihm auf den Bildschirm vor Martin und scrollte etwas nach unten. Hunderte Zeilen von Code später fand er die wohl relevanten Blöcke. "Mach mal, ich muss jetzt auch kurz auf den Pott."

Martin startete noch einmal das Programm, drückte dann mit seinem Unterarm den Unrat vor ihm, der vor allem aus Matefalschen, Zigarettenschachteln und Fast-Food-Packungen bestand, auf die Seite um die Tastatur vor sich ordentlich hinstellen zu können. "Was ein Glück, dass er Abends noch laufen geht, sonst wäre er das Michelinmännchen!" lachte er vor sich hin.

Während das Programm seine ersten Routinen abarbeitete schaute er sich durchaus beeindruckt das bisherige Ergebnis an von Jonas Arbeit an. Er hatte ihn damals, vor Abschluss des Projektvertrages, für verückt erklärt das er dieses Wagnis eingeht, aber Jonas war sich seiner Sache durchaus sicher und wie man bis hierher sah auch durchaus zurecht. Wäre er mit diesem Problem nicht drei Wochen beschäftigt gewesen, hätte er sogar Luft gehabt um die Dokumentation den letzten Schliff zu verpassen.

In den nächsten fünf Stunden arbeiteten Jonas und Martin relativ autark voneinander, während Martin sich noch mit dem Problem auseinandersetzte und verschiedene Lösungen zu erarbeiteten versuchte, nutze Jonas die Zeit um die Dokumentation und Hilfe zu verbessern. Vertieft in seine Arbeit erschrak er von dem plötzlichen und heftigen Schlag den er wahr nahm dermaßen, dass er mit dem Bürostuhl nach hinten kippte und auf dem Boden aufschlug. Als nächstes nahm er Martin wahr, der lachend auf ihn zeigte und sich den Bauch hielt. "MAAAAAAAN, was war das denn?" fragte Jonas verduzt und immer noch auf dem Boden liegend.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Martin sich vor lachen wieder einbekommen habe: "Tschuldigung, dass sah einfach zu grandios aus, wie du umgefallen bist. Aber du wirst es mir ein drei Sekunden verzeihen..."