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Zivilcourage

Ein ruhiger Dienstagsmorgen im März. Es ist ca. 9:00 Uhr; ich sitze im Wagen 9 des relativ vollen IC 133 von Luxemburg nach Norddeich im Ostfriesland. Der Wagen hat 20 Sitzreihen und ich sitze in der 17. Zwei Polizisten in voller Montur, schätzungsweise ein Mittvierziger und ein -dreißiger, kommen in den Wagen; gehen durch den gesamten Abteil und halten genau vor mir. Der Ältere fragt nach meinen Ausweispapieren. Die Polizisten hatten also vor mir jede Menge Möglichkeiten nach Ausweispapieren zu fragen, aber nein, nur meine Papiere zu sehen, schien anscheinend interessant. Sehe ich so interessant aus? Wie sehe ich denn aus? Meine Haut hat eine Färbung, die als „schwarz“ bezeichnet wird, obwohl eindeutig nicht schwarz. Ich trage ein grün-schwarzes Holzfällerhemd, eine Base-ball-Mütze und habe ein Schal um den Hals. Vor mir auf dem Tisch liegen zwei dicke Bücher zu Mikroökonometrie und Regressionsmodellen für kategorische abhängige Variablen.

Die Polizei kommt also in einen Zug und kontrolliert ohne Angabe jegliche Gründe die einzige Person mit dunkler Hautfarbe. Machen wir es kurz: ‚Racial Profiling‘ heißt es auf Neudeutsch. Es ist mir schon öfter passiert. Bis heute Morgen hatte ich immer brav die Papiere sofort gezeigt. Aber das war einst. Vor dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Rheinland-Pfalz. Zeiten ändern sich. Ob das meine Freunde und Helfer wissen?

Hier das Gedächtnisprotokoll des Gesprächs zwischen den Polizisten und mir:

„Ausweiskontrolle! Könnte ich Ihren Ausweis oder Pass sehen?“

„Ähh… Warum?“

„Damit wir Ihre Identität überprüfen können!“

„Okay! Kein Problem, aber ich brauche vorher von Ihnen eine schriftliche Bestätigung, dass Sie mich nach meinem Ausweis gefragt haben.“

„Nein, wir geben Ihnen keine schriftliche Bestätigung.“

„Wenn Sie mich als Polizist nach meinem Ausweis fragen, ist es doch ein mündlich ausgesprochener Verwaltungsakt. Und mündlich ausgesprochene Verwaltungsakte müssen ja auf Verlangen schriftlich bestätigt werden.“

„Sie bekommen nichts Schriftliches von uns. Ich muss jetzt Ihren Ausweis sehen, sonst kommen Sie mit auf die Wache.“

„Kein Problem. Ich muss zwar bis nach Paderborn fahren, aber Trier ist auch schön.“

„Wie Sie wollen, wir gehen jetzt weiter, werden Sie aber kurz von Ankunft in Trier abholen.“

Die Polizisten waren tatsächlich kurz vor Trier wieder da. Sie sahen und hörten zu, wie ich die anderen Fahrgäste nach ihren Kontaktdaten fragte, falls ich sie als Zeugen brauchen würde. Zwei Fahrgäste stimmten zu und schrieben mir Ihre Kontaktdaten auf. Eine ältere Dame, die das Geschehen verfolgte, sagte zu mir, als ich Jacke und Tasche packte: „Sie kontrollieren immer nur die Ausländer. Sie gehen durch den ganzen Zug und kontrollieren nur den einzigen Ausländer.“ Die Polizisten standen drei Reihen hinter uns am Ende des Wagens und hörten alles. Als wir am Trierer Hauptbahnhof ankamen, stand ich an meinem Platz, Jacke an, Laptoptasche auf der linken Schulter, Bücher unter dem rechten Arm, bereit für die Wache. Als der Zug anhielt, stiegen die Polizeibeamten tatsächlich aus, jedoch ohne auch nur einen Blick in meine Richtung zu werfen, ohne mir ein Wort zu sagen. Sie stiegen aus, als wäre nichts passiert. Als der Zug wieder losfuhr und ich immer noch stand, realisierte ich, dass mir doch der Besuch in der Wache diesmal erspart bleiben sollte. Ich bedankte mich bei der älteren Dame und den Fahrgästen, die mir ihre Kontaktdaten aufgeschrieben hatten. Sie waren sichtlich erfreut. Zurecht! Denn sie hatten maßgeblich daran mitgewirkt, ein Stück Gerechtigkeit in die Welt zu bringen. Ich saß mich wieder hin und freute mich; es fühlte sich so an, als hätte ich meine Menschenwürde (gegenüber irgendwelchen Bösewichten) erfolgreich verteidigt. Sie war zwar angekratzt, aber doch noch da.

Ergänzend zu der obigen Beschreibung des Tathergangs möchte ich dreierlei bemerken. Erstens nehme ich hin, dass einige denken oder sagen werden: „Guck mal, da wieder Ausländer, die nur rummeckern! Alle nur Sozialschmarotzer und jetzt wollen sie auch noch die Arbeit unserer Polizisten erschweren. Sollen sie doch alle in ihre Heimat abgeschoben werden!!!“ Oh ja, die wird es geben. Die wird es immer geben. Jede Gesellschaft braucht ihren Grundbestand an Idioten. #ENDE.

Während des Gesprächs mit den Polizeibeamten ließ mich der Jüngere wissen, dass die Polizei in Zügen in Grenznähe eben von solchen Menschen wie mir willkürlich Ausweispapiere verlangen darf. #BULLSHIT. Dies bringt uns zu der zweiten Bemerkung. Solange weder der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union noch der Schengener Grenzkodex nicht eindeutig beschreiben, wie ein „Normalbürger“ in den Mitgliedsländern auszusehen hat, sind solche Kontrolle schlicht gesetzeswidrig. Racial Profiling ist aber nicht nur gesetzeswidrig, sondern auch und vor allem demütigend und erniedrigend. Es ist ein Schlag gegen die Gerechtigkeit. Darum geht’s. Deshalb war es für mich kein Problem, während einer Reise von Luxemburg nach Paderborn einen Zwischenhalt in einer Trierer Polizeiwache hinzunehmen. Deshalb habe ich mich entschieden, zwei Polizisten in voller Montur sofortige Gehorsamkeit zu verweigern, obschon leider mehr als genug Beispiele zeigen, dass ein solches Verhalten schlimme bis tragische Folgen haben kann. Das muss jede Person wissen, die sich für einen solchen Weg entscheidet. Wer Gerechtigkeit will, muss bereit sein, ab und an richtig aufs Maul zu bekommen. Ich war heute Morgen 9 Uhr soweit. Ich bin dafür bereit. No justice, no peace! Gerechtigkeit bekommt man nicht als Sonderangebot im Schnäppchen-Center.

Drittens und letztens, möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die in solchen Situationen auch als Nichtbetroffene Zivilcourage zeigen. Sei es, indem sie es anbieten oder akzeptieren, als eventuelle Zeugen bereitzustehen oder indem sie, wie die ältere Dame, die Ungerechtigkeit offen und für die beteiligten Polizisten gut hörbar thematisieren. Es ist schon bitterste Ironie, wenn es zivile Mitbürger gebraucht, um die Polizei dazu zu bringen, sich gesetzeskonform zu verhalten. Aber es ist schon okay, denn was die Polizei alleine nicht schafft, das schaffen wir alle zusammen. Ein Deutschland ohne Racial Profiling, ohne polizeiliche Diskriminierung aufgrund des Aussehens, ein Deutschland ohne frustrierte Mitbürger, denen ständig das Gefühl gegeben wird, Kriminelle auf der Flucht zu sein; ja, ein Deutschland, wo Paragraf 22 Abs. 1a des Bundespolizeigesetzes nicht mehr über Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes steht, ja, das schaffen wir alle zusammen.

via [http://y-kritiks.com/2014/03/18/was-die-polizei-alleine-nicht-schafft/](Y Kritiks)