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Vom Versagen der Netzpolitik

Zum Einstieg - für alle diejenigen die es noch nicht gesehen haben - empfehle ich die ersten 40 Minuten der Rede von Sascha Lobo zur re:publica 14 mit dem Vortrag "Zur Lage der Nation".

Sascha Lobo kündigte das als Wutrede an und größtenteils übernahm das die Blogosphäre (gibt es die eigentlich noch?) auch so und stimmte darin ein. Inhaltlich möchte ich ihm da auch gar nicht Widersprechen, er hat da durch die Bank recht mit dem was er sagt.

Im übrigen rate ich vor allem dazu sich die ersten 40 Minuten anzuschauen, weil der Rest darin übergeht der aktuellen Regierung das Versagen vorzuwerfen - was hinlänglich bekannt und eigentlich nicht mehr großartig in der Filterbubble der Netzpolitikinteressieren erwähnenswert ist.

Worin ich ihm aber Widersprechen muss ist, dass das eigentlich gar keine Wutrede war. Eigentlich muss man der kompletten Riege Netzpolitiker bzw Netzpolitiklobbyisten das totale Versagen vorwerfen. Wir alle haben es massiv gegen die Wand gefahren. Wobei es noch nicht mal polemisch wäre zu sagen, wir haben es noch nicht mal in das Auto geschafft um tatsächlich die Sache zu vergeigen.

Der springende Punkt ist auch nicht zwingend, dass wir nicht genug Geld in die Hand nehmen. Natürlich ist es richtig, dass wir alle zusammen viel - sehr viel - zu wenig Geld investieren um die Netzpolitik zu unterstützen, der Punkt ist: Wir machen generell viel zu wenig.

Manchmal wünsche ich mir, dass für jede Petition die über Twitter oder Mailinglisten geteilt werden direkt 100€ für eine netzpolitische Organisation deiner Wahl fällig werden würden.

Hoch mit dem Arsch und Finger raus!

Wir drehen uns auf unseren bequemen Bürostühlen vor dem PC herum, schleppen unsere Ärsche wahlweise mit Tablet oder Laptop auf das Klo, ins Bett oder zum Arzt, hauptsache wir verpassen die Twittertimeline nicht oder den RSS Feed: Man könnte ja den neusten Regierungsrant verpassen.

Liebe Netzpolitiker, liebe Netzpolitikinteressierte,

was habt ihr eigentlich so in dem letzten Jahr und in diesem Jahr für das Netz gemacht? Und damit meine ich jetzt nicht Petitionen oder Catcontent zu teilen. Ich meine so Dinge wie auf Demos gehen, Geld zu spenden, Netzpolitikorganisationen zu unterstützen, Demoplakate basteln oder den eigenen Familien- und Freundeskreis darüber aufzuklären?

Ich kann es euch sagen: Nichts bis viel zu wenig. Soll ich euch noch was sagen? Ihr seid Arschlöcher. Ob das plakativ ist? Klar, wenn es aber fünf vor zwölf ist, dann sollte man das auch endlich mal sein. Wir alle.

Die Zukunft entscheidet sich jetzt

Wir sind genau jetzt in diesem Moment an dem Scheideweg wie das Netz in der Politik in den nächsten Jahrzehnten behandelt wird. Ich bin mir sicher, dass die Generation nach uns die jetzige Phase als die bezeichnen wird, in der man das Netz gesamtgesellschaftlich anerkannt und es nicht mehr nur als Eintagsfliege betrachtet hat. Die Weichen, die die Politik jetzt für das Netz aufstellt werden Zukunftsweisend sein. Ein Gesetz zu erschaffen ist deutlich weniger aufwand, als etwas festgeschriebenes wieder zu revidieren.

Wenn wir jetzt endlich anfangen richtig zu handeln und Gesetze zu verhindern, dann haben wir in Zukunft die Chance Politik aktiv zu gestalten, anstatt getrieben zu werden von politischen Vorschlägen die uns das Netz kaputt machen. Dazu müssen wir aber den Finger aus dem Arsch nehmen.

Das ist nicht nur in euerm Interesse, sondern auch in dem der Generationen nach euch. Die eurer Kinder. Ist es euch wenigstens die Wert oder ist auch das noch zu lange hin um sich darüber Gedanken zu machen? Es liegt in eurer Hand.

Das beste Beispiel für ordentlichen Aktivismus war die Freiheit statt Angst-Demo 2009, als tausende von Menschen in Berlin auf die Straße gegangen sind um die Vorratsdatenspeicherung zu stoppen. Ein Gesetz das vom Volk aus über alle Schichten weg abgelehnt wird, bleibt auch in Zukunft tot. Wir müssen uns endlich wieder bewegen, wir müssen Zeit und Geld investieren.

Vernetzt euch. Vergesst euer Ego.

Die Vernetzung der Netzpolitikorganisationen (D64, CCC, Diggiges etc) ist erbärmlich bis kaum vorhanden, anstatt die vorhandenen und sowieso schon viel zu wenigen Ressourcen zusammenzulegen schaut jeder nur das er versucht soviel Publicity wie möglich auf den eigenen Verein zu ziehen. Es nervt und vor allem: Es bringt uns nicht weiter, es bremst, es hält auf und wirft die ganze "Szene" um Jahre zurück anstatt Jahre zu überspringen.

Schmeißt endlich euer Ego über Board. Auch wenn es übertrieben klingen mag: Wir haben jetzt die Möglichkeit Geschichte zu schreiben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit keine die man uns danken oder mit großen Lobeshymnen bereden wird, aber wir wissen es und noch viel wichtiger: Wir haben die Freiheit im Netz bewahrt.