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Keine WM-Feierstimmung

Zum Fußball kam ich in der Saison 1993/1994. Letzter Spieltag, FC Bayern München gegen Werder Bremen.

Patrick, schmale neun Jahre im großen Olympiastadion und es ging um die deutsche Meisterschaft: Bayern oder Bremen.

Dieser Besuch war nicht großartig geplant, mein Vater hatte ein Jahr zuvor Karten dafür gewonnen, wobei er sich aussuchen konnte ob Bayern gegen Bremen oder Kaiserslautern gegen Frankfurt. Ich wollte nach München, also ging es dorthin.

Bis dato war ich familiengeschädigt: die eine Hälfte war für Lautern, die andere für die Eintracht. An diesem Tage fragte mich mein Papa ob ich einen Schal wollte. Ich war neun. Natürlich wollte ich - genauso gut hätte er fragen können ob ich ein neues NES- oder Gameboy-Spiel möchte. Bayern kam nicht in frage, dazu war mein Emotionsspektrum zu groß. Bremen also.

Machen wir es kurz: Bremen ging mit 3:1 unter, Rehagel und Basler (der Torschütze) wechselten nach München (wie ich nach dem Spiel erfuhr) und ich verlor mein Herz an die Weser. Bis heute. Als Mainzer. Nachdem Bremen immer mehr in die Underdogrolle schlüpfte, wuchs gleichzeitg mein Spaß am Fussball (schauen) und gleichzeitig wuchs auch mein Interesse an der Nationalmannschaft.

Ich habe seit 2002 höchstens drei Spiele im Fernsehen der Nationalmannschaft verpasst. Nicht weil ich gröhlender Anhänger des deutschen Staates war, sondern weil ich eben in Deutschland lebe. Hier machte es dann einfach die Entfernung.

Auch heute bin ich glücklich Deutscher zu sein, aber nicht aus dem Grund, weil ich damit ein besserer Mensch wäre oder mich zu einer besseren Rasse zählen würde, sondern schlicht und ergreifend weil wir hier immer noch eine relativ gute Bildung genießen können - oftmals kostenlos - und ich denke in Sicherheit und Freiheit leben zu können. Natürlich ist das alles mittlerweile durchaus ausbaufähig und ich sehe Tag für Tag mehr Baustellen die man politisch deutlich besser bearbeiten könnte, aber im großen und ganzen kann ich mich bei Vater Zufall bedanken, dass in meinem Kühlschrank immer genug zu Essen stand und ich sauberes und fließendes Wasser rund um die Uhr genießen kann.

Der Zufall ist es, wie eben angemerkt, der mich hier aufwachsen ließ und nicht im Gazastreifen unter Raketenbeschuss.

Doch diese WM war anders, ich hatte Spaß an den Spielen und auch hier entgingen mir höchstens um die sieben Spiele, teils der Arbeit geschuldet, teils meiner Tochter aber auch durchaus Anstoßzeiten von drei Uhr Nachts. Japan vs Elfenbeinküste wäre da so eine taktisch grandiose Partie gewesen...!

Für Deutschland konnte ich dieses mal aber nicht die Daumen drücken, die Diskrepanz zwischen "ich lebe hier und bin dann mal für Deutschland" zu "lauter AfD-Wähler" oder "SCHLAND IS SO GEIL EY!" war mir dann doch zu groß. Ich hatte einfach keine Emotionen mehr für dieses Team. Schwarz-Rot-Gold überall. Warum eigentlich?

Diese Mannschaft besteht aus hervorragenden Spielern, sind technisch alle durchaus wahnsinnig gut ausgebildet, hochtrainert und haben einen tollen Teamgeist, aber noch nie - im Gegensatz zu den Aussagen von Spielern und Trainer - waren die Fans so wenig dafür verantwortlich. Der Weltmeistertitel pusht genug.

Es ist einfach nicht mehr mein Team, dafür sind mir zuviele andere "Fans" dann einfach zu peinlich und nach der Aktion heute bin ich froh, dass ich dieser Mannschaft nicht die Daumen gedrückt habe:

https://www.youtube.com/watch?v=4jYuMsFV2ug

Was soll das? Es geht nicht um die Stichelei gegen eine andere Mannschaft, sondern darum das mit den Gauchos ein anderes Volk als kleine, untergebene Menschen dargestellt werden. Das ist einfach nicht lustig, vor allem nicht, wenn es geplant ist und das war es. Noch viel unlustiger ist es, wenn dann die FFH Moderatorin daraufhin sagt "als ich das gesehen habe, hatte ich Freudentränen in den Augen!". WTF?

Ich schäme mich für euch. Für das Team und viele andere "Fans".